Karin Hollweg Preis

Ein besonderer Höhepunkt der Meisterschülerausstellungen ist die Verleihung des Karin Hollweg Preises. Dotiert mit 15.000 Euro gehört er zu den wichtigsten Förderpreisen an deutschen Kunsthochschulen. Möglich wird er dank der großzügigen Unterstützung der Karin und Uwe Hollweg Stiftung. Die Hälfte des Preisgeldes ist für eine institutionelle Einzelausstellung in Bremen reserviert.

Jury 2018

Prof. Dr. Christoph Grunenberg, Kunsthalle Bremen
Peter Friese, Weserburg, Museum für moderne Kunst
Dr. Arie Hartog, Gerhard Marcks Hauses
Janneke de Vries, GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst
Nadja Quante, Künstlerhaus Bremen
Dr. Ingmar Lähnemann, Städtische Galerie Buntentor
Wolfgang Hainke, Künstler
Dr. Annett Reckert, Städtische Galerie Delmenhorst
Prof. Dr. Andreas Kreul, Karin und Uwe Hollweg Stiftung

Bisherige Preisträger*Innen

Ausgezeichnet wurden bereits das dilettantin produktionsbüro (Anneli Käsmayr und Jenny Kropp zusammen mit Claudia Heidorn, Anna Jandt und Alberta Niemann) (2007), Verena Johanna Müller (2008), Christian Haake (2009), Nicolai Schorr (2010), Noriko Yamamoto (2011), Janis E. Müller (2012), Franziska Keller (2013), Z. Schmidt (2014), Tobias Heine (2015), Claudia Piepenbrock (2016), Felix Dreesen (2017).

Preisträgerin 2018 — Zhe Wang

Ein weißer Medizinerkittel markiert den Eingang zu einer Videokabine. 9 × 235 × 30 = 63.450. Eine mathematische Formel. Sie steht am Beginn der Videoarbeit my working parents von Zhe Wang, für die sich die Jury des diesjährigen Meisterschülerpreises mit großer Überzeugung entschieden hat. Die fünfstellige Zahl steht für die Lebensarbeitszeit eines einzelnen Menschen. In diesem Fall handelt es sich um die Mutter der Künstlerin, deren Übergang in ihren Altersruhestand Zhe Wang zur Inspiration wird. Die Künstlerin, die wiederum selbst mit ihrem Meisterschülerjahr eine Phase des Übergangs, durchlebt, beobachtet mit der Kamera das Berufsleben ihrer beider Eltern in einer chinesischen Großstadt. Sie beobachtet deren tägliche Routinen und Verrichtungen, die sie vermutlich als Kind wenig wahrgenommen hat. Damit ist die Arbeit my working parents zum guten Teil eine dokumentarische Arbeit, zugleich ist sie eine Hommage an die Eltern der Künstlerin.

Zhe Wang nutzt für ihre eindrucksvolle Arbeit eine Art Split-Screen, der es ihr erlaubt, die aufgenommenen Sequenzen parallel nebeneinander zu setzen, dann wieder aufeinander folgen zu lassen, sie zu vervielfachen und zu rhythmisieren. Geht es thematisch letztlich um den Fluss der Zeit, so versteht die Künstlerin es meisterlich ihr zeitbasiertes Medium bestens auszuloten. Durch ihre ausgeklügelte Bildsprache und –komposition, die von einer präzise angelegten Soundspur unterlegt ist, gelingt es ihr einen biografischen Ansatz in ein Allgemeines zu überführen. So steigert sich my working parents in einen faszinierenden Sog hinein, in die schnelle Folge architektonisch anmutender Strukturen und Raster. Persönlicher und öffentlicher Raum schieben sich ineinander.

In einer bemerkenswert eigenständigen Form wirft Zhe Wang zutiefst menschliche Fragen nach dem Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, von Müssen und Wollen, von Zwang und Freiheit auf. Große Themen, für die sie ein starkes Bild findet. Die Arbeit regt ein Nachdenken über unsere zeitgenössisch sehr aktuelle und kulturell sehr unterschiedliche Auffassung von Arbeit, Familie und Leben an, dabei letztlich die zweifelnde Frage nach dem, was bleibt.

Die Jury des Karin Hollweg Preises 2018, Bremen,
den 28. Juni 2018